FSJ-Blog

In diesem Blog geht es um den Alltag im Büro, um Reisen nach Kommunen oder um Veranstaltungen des Vereins – berichtenswerte Ereignisse während meines Bundesfreiwilligendienstes sollen einen Blick hinter die Kulissen bieten. Falls du Interesse an einem Bundesfreiwilligendienst hast oder einfach neugierig bist, wie wir arbeiten, dann lies doch einfach mal rein!

Kinderfreundliche Kommunen e.V. meets Bataljong – zwei Kinderrechtsorganisationen im Austausch

© Bataljong

Bild: Im MACHMit!Museum in Berlin Pankow werden Beziehungen geknüpft – und Armbänder!

Wie man in Flandern Kinderrechte umsetzt, erfahren wir beim Austausch mit der belgischen Kinderrechtsorganisation Bataljong – warum Siegel dort nur im Zweijahrestakt vergeben werden und was wir von unseren flämischen Freund_innen alles lernen können.

Bataljong – sieht ein bisschen so aus, als hätte jemand vergessen, wie man Battallio- ähm…Bataillon schreibt, ist aber einfach eine Wortneuschöpfung aus dem flämischen Wort Bataljon mit einem angehängten G am Ende. Durch das G wird aus dem Begriff für einen Militärverband aus mehreren Kompanien die gemeinnützige Kinderrechtsorganisation Bataljong aus Flandern und Brüssel. Die letzte Silbe „-jong“ bedeutet nämlich jung.

Eine Gruppe aus Soldatinnen und Soldaten also, die für die Rechte junger Menschen in die Schlacht zieht – das klingt etwas kämpferischer als Kinderfreundliche Kommunen e.V. Bewaffnet zum Glück nur mit Stift, Papier und Kamera und von Mitarbeiter_innen aus Stadtverwaltungen und kommunalen Einrichtungen begleitet, besuchten sie uns Anfang Februar 2026 für einen Austausch. 

09:30 Uhr: Im Herzen von Berlin, zwischen Finanzministerium und nordkoreanischer Botschaft, ächzt ein Kleiderständer unter dem Gewicht dreiundzwanzig schwerer Winterjacken. Aus Platzgründen wurde der Seminarraum des Deutschen Kinderhilfswerks anstelle unseres Büros gewählt. Auch hier ist es eng für uns und unsere Besucher_innen, die am selben Tag schon um 06:07 Uhr mit dem Nachtzug in Berlin ankamen – die Kaffeekanne muss einige Male nachgefüllt werden.

Aus unserem Team ist unter anderem die Referentin für Kommunenbegleitung Anne Müller mit dabei. Als sie dem Geschäftsführer von Bataljong Tieme Verlinde im Februar 2024 auf der Europe-Goes-Local-Conference in Brüssel von unserem Verein und unserer Wirkungsanalyse erzählt, ist er begeistert und schlägt einen Austausch vor, am besten schon im Oktober. Bis es nach Berlin geht, muss er sich allerdings noch ein wenig gedulden. Zwei Jahre nach dem Treffen in Brüssel geht es schließlich los.

Kindvriendelijke steden en gemeenten“: das Label, das Kommunen in Flandern für Kinderfreundlichkeit auszeichnet

Schon vierzehn Jahre ist es her, dass Bataljong die Leitlinien der Child-Friendly-Cities-Initiative für Flandern übersetzte und sich die ersten drei Pilotkommunen auf den Weg zur Auszeichnung als kinderfreundlichen Stadt oder Gemeinde machten. Das war 2012 – heute sind fünfundvierzig Kommunen im Programm. Die in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 beschlossenen Kinderrechte dienen als Grundlage für das flämische, wie auch für das deutsche Siegel “Kinderfreundliche Kommunen”. Anders als in Deutschland, wo als einzige Organisation Kinderfreundliche Kommunen e.V. über die Vergabe entscheidet, werden flämische Kommunen allerdings von einer Jury ausgezeichnet, die aus NGOs, dem Dachverband der flämischen Städte und Gemeinden, Wissenschaftler_innen und Bataljong besteht. In einem zweijährigen Prozess, der von Bataljong begleitet wird, entwickelt die Kommune basierend auf der Methodensammlung von UNICEF eine Strategie zur Umsetzung der Kinderrechte: Bestandsanalysen zu den Themen Wohnraum, Beteiligungsmöglichkeiten oder Verkehr sowie Fragebögen für die Verwaltung und Umfragen unter Kindern und Jugendlichen bieten die Basis für einen Aktionsplan, der bei der Jury eingereicht wird.

Bei einem Antrag auf das Siegel kann sich diese Jury allerdings nur für oder gegen eine Vergabe entscheiden, ein ja, mit Nachbesserungen gibt es nicht. An dieser Stelle zeigt sich die Kehrseite einer unabhängigen und divers besetzten Jury: da sie aus Ehrenamtlichen besteht, die nicht das ganze Jahr über Anträge bearbeiten können, tritt sie nur alle zwei Jahre zusammen. Das bedeutet aber auch, dass Kommunen, deren Anträge abgelehnt wurden, sich erst in zwei Jahren erneut bewerben können. 

Gibt die Jury jedoch grünes Licht für die Siegelvergabe, so darf eine Kommune das Siegel sechs Jahre lang tragen, das nach Ablauf um weitere sechs Jahre verlängert werden kann. Ein dauerhaftes Siegel, wie es Kommunen in Deutschland nach zwei Aktionsplänen erhalten, gibt es in Belgien nicht. 

Brüssel und Berlin: Kinderfreundlichkeit in der Praxis

Berlin zeigt sich seinen belgischen Besucher_innen in diesen Tagen von einer wirklich ungemütlichen Seite. Als unser Geschäftsführer Dominik Bär unseren Gästen eine Führung durch Berlin Mitte gibt, blickt er in vor Kälte gerötete, aber interessierte Gesichter. Er erzählt von dem Wandel der Stadt in den letzten Jahrzehnten einerseits, aber auch von ihrer Schwerfälligkeit, wenn es um bestimmte Veränderungen wie die Verkehrswende geht, und natürlich erzählt er auch von ihrer Zeit als geteilte Stadt. An der Weltzeituhr am Alexanderplatz, wo nur wenige Menschen zwischen den Geschäften hin und her hasten und durch die Häuser ein eisiger Wind fegt, treffen wir schließlich zwei Mitarbeiter der Streetwork-Organisation Gangway e.V., die von ihrer Arbeit mit jungen wohnungslosen Menschen vor Ort berichten. Auch am Alex habe sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert: einst Treffpunkt jugendlicher Punks, sei er heute vordergründig ein Ort des Konsums; Aufenthaltsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche abseits von Geschäften gebe es praktisch keine. Bei Gangway verfügen sie über ein monatliches Budget, mit dem sie wohnungslose Menschen in ein Café oder einen Imbiss einladen können. So versuchen sie Kontakt aufzunehmen, um Unterstützung anzubieten und sie gegebenenfalls an weiterführende Hilfen zu vermitteln – selbstverständlich ohne jeden Zwang. Vertrauen zu ihrer Zielgruppe bauen sie durch ihr freundliches und direktes Auftreten auf, aber auch durch das Versprechen, nichts von dem, was ihnen anvertraut wird, an Dritte weiterzugeben – vor allem nicht an die Polizei, von der sie sich klar abgrenzen.

Tag zwei findet in der Kinderfreundlichen Kommune Pankow statt – die erste Station: das MACHmit!Museum. In der umgewidmeten Kirche können Kinder auf spielerische und kreative Weise mehr über ihre Rechte lernen; außerdem gibt es wechselnde Ausstellungen zu wissenswerten Themen. Unsere Besucher_innen fallen hier bis auf die Körpergröße kaum auf. An verschiedenen Stationen stellen sie ihr Geschick beim Basteln von Armbändern unter Beweis oder zwängen sich durch enge Klettergerüste und Rutschen.

Aus Brüssel wird die Initiative Playcation vorgestellt, die vor allem in ärmeren und dicht besiedelten Gebieten temporäre Spiel- und Sportangebote für Kinder und Jugendliche aufstellt und so Orte zum Spielen, Bewegen und Aufhalten im öffentlichen Raum schafft. Wer sich dort aufhalten möchte, muss sich weder anmelden, noch strenge Erwachsene fürchten, die ihnen vorgeben, wie sie das Projekt zu nutzen haben. Auch Zäune gibt es weder im wörtlichen, noch im übertragenen Sinne: Kinder sollen selbst bestimmen, was sie dort tun, und dabei verschiedene Möglichkeiten entdecken und ausprobieren.

Im Zuge der Präsentation geht es auch um die Idee, dass Brüssel eines Tages eine kinderfreundliche Stadt werden könnte. Doch auf die belgische Hauptstadt wird auch mit Sorge geblickt. Auch Brüssel ist gewissermaßen eine geteilte Stadt, wenn auch auf eine völlig andere Art als Berlin es war, denn statt Mauern trennen Sprachen und Verwaltungen die Menschen. Niederländischsprachige Kinder gehen auf andere Schulen als Kinder, die französisch sprechen, je nach Verwaltungszone gibt es andere Lehrpläne und sogar die Ferien unterscheiden sich, da beide Verwaltungszonen sich weigern würden, die Gesetze zu übernehmen, die die „andere Seite“ beschlossen habe. Trotz dieser Teilung ist Brüssel eine der internationalsten Städte Europas, immerhin sitzen hier mehrere Institutionen der EU, ein Staatenverbund, der Teilung und Grenzen innerhalb des Kontinents überwindet – nur innerhalb Brüssels will das noch nicht funktionieren. Kinder und Jugendliche, die niederländisch oder französisch sprechen, seien vor allem unter sich.

Ob solche Initiativen auch in Deutschland möglich wären? Wohl eher nicht, meint Nils Lampen, Zuständiger für Stadtentwicklung im Langhanskiez in Weißensee. Später, als wir von ihm mitgeplante Jugendorte in Pankow besichtigen, beklagt er die strengen Vorgaben für ihren Bau. Dadurch hätten einige Wünsche der Jugendlichen, die vorher befragt wurden, am Ende nicht oder nur zum Teil umgesetzt werden können, was der Glaubwürdigkeit von Beteiligungsformaten schade. Vor Ort sehen wir dennoch zahlreiche Sitzmöglichkeiten, Fitnessstationen, Tischtennisplatten, einen Bolzplatz und sogar eine Mauer, die mit Graffiti besprüht werden darf – Mauerbau kann Berlin.

Ein Mitglied der belgischen Reisegruppe nutzt die Gelegenheit und wirft den ersten Schneeball und plötzlich findet kurz vor Schluss noch eine kleine Schneeballschlacht statt. Nun ja, was hätte man auch anderes erwarten können von einer Organisation, die sich Bataljong nennt?

Nick Neef, Bundesfreiwilliger