FSJ-Blog

In diesem Blog geht es um den Alltag im Büro, um Reisen nach Kommunen oder um Veranstaltungen des Vereins – berichtenswerte Ereignisse während meines Bundesfreiwilligendienstes sollen einen Blick hinter die Kulissen bieten. Falls du Interesse an einem Bundesfreiwilligendienst hast oder einfach neugierig bist, wie wir arbeiten, dann lies doch einfach mal rein!

Liebesgrüße aus Mannheim – Zukunftswerkstatt in einer Kinderfreundlichen Kommune

Warum ist Mannheim eigentlich vor allem für die Erfindung des Automobils bekannt und weniger für die des Spaghettieises, seinen charmanten monnemerischen Zungenschlag oder sein großes Engagement als Kinderfreundliche Kommune? Im Stadthaus Mannheim, Schauplatz einer sogenannten Zukunftswerkstatt am 09.12.2025, ist man jedenfalls entschlossen, das zu ändern – also zumindest den Aspekt mit der Bekanntheit als Kinderfreundliche Kommune.

Was sich Mannheim für die nächsten Jahre sonst noch vornimmt und wie man hier auf die Umsetzung des ersten Aktionsplans blickt.

Mannheim ist eine Stadt im Wandel. Eine Stadt, an der Autohelden wie Agent 007 noch vor einigen Jahren sicherlich großen Gefallen gefunden hätten. Breite Straßen boten ausreichend Platz für riskante Überholmanöver in der Innenstadt – ein idealer Ort für spektakuläre Verfolgungsjagden. In der Geburtsstadt des Automobils genoss die Erfindung von Carl Benz lange den Status eines Heiligtums, das man nicht anzufassen wagte. Doch seine größten Zeiten scheinen vorüber: seit 2022 trägt die Großstadt das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“, mittlerweile gibt es mehrere Fahrradstraßen, autofreie und verkehrsberuhigte Zonen, Straßen mit Parkverbot und eine Beschwerdestelle für Ampeltaktungen – unter anderem durch den Impuls von Kindern und Jugendlichen. 

Im Mannheimer Stadthaus sitzen gegen neun Uhr etwa fünfzehn Personen in einem offenen Stuhlkreis, um in der Zukunftswerkstatt gemeinsam an Mannheims Zukunft zu werkeln. Es sind weniger als gedacht, da die eingeladenen Mitglieder des Mannheimer Jugendbeirats nicht kommen konnten.

Wie gestaltet man Zukünfte?

Menschen kommen zusammen, um verschiedene Zukünfte zu entwerfen und auf ihre Durchsetzungsmöglichkeiten zu überprüfen. Die Idee der Zukunftswerkstatt kam dem Publizisten und Zukunftsforscher Robert Jungk in den 1960er Jahren, eine Zeit, in der sich Bürger_inneninitiativen und linke Studierendenbewegungen unter anderem für mehr Recht auf gesellschaftliche Beteiligung einsetzten. 1983 veröffentlichte er gemeinsam mit Norbert Müllert das Buch „Zukunftswerkstätten. Wege zur Wiederbelebung der Demokratie”, in dem er einen Beteiligungsprozess beschreibt, dessen Ziel es sei, in einer Gruppe mit unterschiedlichen Menschen neue Lösungsansätze zu finden; dafür soll die Kreativität in der sogenannten Utopiephase einer Zukunftswerkstatt gezielt gefördert werden, indem die Frage nach der Umsetzung zunächst ausgeblendet wird und erst am Ende, während der Realisierungsphase, eine Rolle spielt. Der Anfang besteht allerdings immer aus einer Kritikphase, in der die gegenwärtigen Zustände kritisiert werden, um später nach Lösungen zu suchen. Nachfolgende Zukunftsforscher_innen übernahmen Jungks Idee und passten sie an, er selbst bleibt allerdings bis heute einer der ersten und bedeutendsten von ihnen, übertroffen höchstens von Doc Brown, der durch die Erfindung des Flux-Kompensators das Zeitreisen mittels eines mit Plutonium betankten DeLoreans ermöglichte. Doch nach diesem kurzen Exkurs nun zurück…in die Zukunftswerkstatt Mannheim.

Wie könnte Mannheim 2035 aussehen?

In unserer Werkstatt blicken wir in der Kritikphase auf die Umsetzung des ersten Aktionsplans in den vergangenen drei Jahren. Es waren drei Jahre voll ehrgeiziger Projekte in Mannheim, von denen zwar viele, jedoch nicht alle umgesetzt werden konnten. Mögliche Gründe, die dafür genannt werden sind: eine mangelhafte interne Kommunikation in der Verwaltung, zu wenig Geld sowie eine schwerfällige Bürokratie, die eine Großstadt mit sich bringt. Als Lösungsvorschläge werden unter anderem eine ressortübergreifende Steuerungsgruppe vorgeschlagen, die die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche und Projekte fördert, aber auch Rundmails und Infobriefe oder gemeinsame Treffen von Vertreter_innen verschiedener Verwaltungsebenen.

Wirklich gut habe die Kinder- und Jugendbeteiligung funktioniert: gelobt werden die Beteiligungsformate bei der Neugestaltung des Swanseaplatzes und des Alten Meßplatz-Süd, aber auch der Kinder- und Jugendbeirat, der mittlerweile neu strukturiert wurde. Er ist nun deutlich diverser, da es Quoten gibt und sich jede_r für einen Platz bewerben kann. In der Vergangenheit wurden die Mitglieder noch von einzelnen Institutionen wie dem Schüler_innenbeirat, Jugendhäusern oder anderen Jugendorganisationen entsandt.

Ein zentrales Thema, dem man sich in Mannheim künftig mehr widmen möchte, ist der Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit. Es sei wichtig, dass die Bürger_innen Mannheims von dem Vorhaben, Kinderfreundliche Kommune zu bleiben, wissen und es befürworten. Gerade in Zeiten von Haushaltskrisen in den Kommunen in ganz Deutschland, wo hart um jeden Euro gerungen wird, sei man auf Unterstützung in der Bevölkerung angewiesen. 

Um unsere Ideen zu konkretisieren, treten wir in die zweite Phase der Zukunftswerkstatt ein. In der Utopiephase, in der wir uns Mannheim als Kinderfreundliche Musterkommune im Jahr 2035 ausmalen, entstehen vielfältige Ideen, die in Gruppen auf Plakaten festgehalten werden. In einer Mannheim-Utopie werden Aktionstage, wie der Weltkindertag, Vorstellungen in Schulen und Jugendeinrichtungen und eine Werbekampagne dafür genutzt, das Projekt bekannt und beliebt zu machen. In einer anderen Utopie gibt es Schüler_innenpraktika in der Mannheimer Politik und einen Jugendbeirat mit weitreichenderen Kompetenzen, um Kinder früh demokratisch zu bilden. 

Die Plakate werden zum Teil mit großem Enthusiasmus vorgetragen, als Nachrichtensendung oder als Interview und auch die folgende Realisierungsphase ist von Zuversicht geprägt. In diesem letzten Schritt werden die Ideen auf Kärtchen geschrieben und danach sortiert, wie lange es bis zur Umsetzung dauern würde und wie viel Geld oder Beratung dafür nötig wäre. Am Ende ergibt sich ein hoffnungsvolles Bild: ungefähr die Hälfte der Vorschläge könnte bald oder sofort umgesetzt werden, viele wären nicht einmal besonders teuer. Angesichts der schwierigen Haushaltslage gibt es zwar Zweifel, ob sich die Kommune leicht für die zweite Siegelphase begeistern lässt, doch bei der Überzeugung, mit der die Teilnehmenden hinter dem Projekt stehen, wird wohl jeder Oberbürgermeister weich – so weich wie ein Spaghettieis, das langsam in der Mannheimer Abendsonne zerschmilzt. 

Es gab auch bereits eine Kinder-Zukunftswerkstatt. Ihre Pläne für eine grünere und buntere Innenstadt, mehr und breitere Fahrradwege, autofreie oder verkehrsberuhigte Zonen sowie weniger Luftverschmutzung werden auch in den Aktionsplan einfließen – James Bond kann da nur dabbisch gugge.

Nick Neef, Bundesfreiwilliger