Als er uns in seiner Wohnung empfängt, ist Carsten – wir haben seinen Namen geändert, um seiner Bitte nach Anonymität nachzukommen – sichtlich angespannt. Hastig lässt er die blickdichten Jalousien der zum Hinterhof gerichteten Fenster herunter, als wir das Wohnzimmer betreten. Er tigert durch den Raum, kaut dabei nervös auf seinem Plüschhund herum. Mehrmals streicht er sich mit der Pfote über sein weißes Fell, bevor er zu sprechen beginnt. Seine ersten Worte an uns: „Man hat es ja wirklich nicht leicht als Hund.“ Weitere dreißig Sekunden Schweigen folgen, doch dann sprudelt es nur so aus ihm heraus – unsere Simultandolmetscherin kommt kaum hinterher.
Er fühle sich einfach nicht ernst genommen. Noch nie habe ihm jemand im Büro einen Kaffee angeboten, geschweige denn einen Keks. Er habe nur eine Hundedecke, auf der er arbeiten dürfe, während er den anderen zu Füßen liegend zusehen kann, wie sie Telefonate mit den Jugendkoordinator_innen der Kommunen führen oder Kinderfragebögen auswerten. In einer von Menschen dominierten Welt, sagt er, bleibe für alle anderen eben nur noch der Platz zu ihren müffelnden Füßen.
Streicheln: Nicht die Art von Anerkennung, die sich der Bürohund wünscht
Er langweile sich oft im Büro. Manchmal dürfe er die Infobriefe, die seine Besitzerin, zuständig für die Pressearbeit, verschickt, nochmal Korrektur lesen, doch an die Tastatur gehe er nur, wenn niemand hinsehe, da er sich für seine Schwierigkeiten beim Tippen sehr schäme. Sie sei überhaupt nicht hundegerecht und die Tasten viel zu klein für seine Pfoten, rechtfertigt er sich.
Besonderen Groll hegt er gegen den Neuen. Der Bundesfreiwillige sei für die Webseitenpflege zuständig und stelle sich ziemlich doof dabei an, Seiten miteinander zu verlinken oder die richtigen Ordner im Stammverzeichnis zu finden. Ein paar Male sei die Webseite sogar für eine Weile einfach nicht erreichbar gewesen, denn mit dem Webseitenbearbeitungsprogramm Typo3 kenne sich eigentlich nur Carsten wirklich aus. „Webseitenpflege ist die Aufgabe der Bundesfreiwilligen, aber die schmeißen alle schon nach einem Jahr hin“, erzählt er uns. Die Nachfolger_innen müssten dann immer von vorne anfangen. Für Carsten sei es nur schwer erträglich, ihre Bemühungen mitanzusehen, wo er selbst schon alle Funktionen kenne, auch verstehe er nicht, warum man nicht ihn die Arbeit der Bundesfreiwilligen verrichten lässt. Er würde auch gerne Erfolgsgeschichten schreiben, Social-Media-Posts erstellen oder mit auf Dienstreise in die Kommunen mitfahren. Auch Siegelurkunden oder Siegeldateien könne er mit seiner Erfahrung effizienter und besser erstellen als alle anderen – nur lassen die ihn nicht.
Obendrein seien die Maßnahmen in den Kinderfreundlichen Kommunen reine Schikane für seinesgleichen, beklagt er sich. Im Rahmen der Aktionspläne der verschiedenen Kommunen würden Befragungen und Beteiligungsformate mit Kindern und Jugendlichen stattfinden, deren Resultate die Freiheit von Hunden wie ihm einschränken würden, so der aufgebrachte Mitarbeiter. „Saubere Parks mit Blumenwiesen, Kinderfeste und Spielplätze – das sind nichts weiter als Sperrzonen für mich!“
Carsten redet sich richtig in Rage, doch als wir ihn fragen, ob er seine Unzufriedenheit schon einmal bei seinen Kolleg_innen angesprochen habe, kehrt die Nachdenklichkeit in sein Gesicht zurück. „Die verstehen mich einfach nicht.“, antwortet er. „Ich kann mich noch so präzise ausdrücken, aber sie streicheln mich dann einfach und sagen ‚guter Junge‘, als wäre die Sache dann erledigt. Das fühlt sich zwar auch ganz schön an, ist aber nicht die Art von Anerkennung, die ich mir wünsche.“
„Alle Bundesfreiwilligen schmeißen nach einem Jahr hin!“
Carsten sei es bei all seinem Frust wichtig zu betonen, dass seine (Mit-?)Menschen ihm durchaus freundlich gesinnt seien. Ebenfalls wichtig sei allerdings, Menschen auch für Hunderechte zu sensibilisieren. Deshalb plane er, die Zweigstelle „Hundefreundliche Kommunen“ innerhalb des Vereins zu gründen.
Kann das funktionieren? Diese Welt scheint für einen solchen Erfolg noch nicht bereit, denn Carstens Schicksal ist kein Einzelfall. Durch Recherchen unserer Außenstelle in London haben wir herausgefunden, dass sich ein ganz ähnlicher Fall in einer international sehr angesehenen Zaubereischule in Großbritannien abgespielt haben soll. Einem dreiköpfigen Hund soll dort zur Bewachung eines Steins eine befristete Stelle angeboten worden sein – ebenfalls ohne offiziellen Arbeitsvertrag. Der neu angestellte Sicherheitsdienstleister habe daraufhin das gesamte Schuljahr angekettet in einer dunklen Kammer in einer Burg verbringen müssen und fand sich Schikanen und tätlichen Angriffen durch Lehrpersonal und Schüler_innenschaft ausgesetzt. Schwer traumatisiert ging er zunächst nicht an die Öffentlichkeit. Erst jetzt klagt er mit seinem Anwalt vor dem Arbeitsgericht gegen seinen früheren Arbeitgeber.
Beide Beispiele zeigen, wie wichtig Arbeitsschutzgesetze auch für nicht-menschliche Arbeitnehmer_innen sind und welch einen weiten Weg wir noch zu einer annähernd gleichberechtigen Gesellschaft vor uns haben.
„In einer von Menschen dominierten Welt bleibt für alle anderen höchstes der Platz zu ihren stinkenden Füßen“
Der Geschäftsführer des Vereins Kinderfreundliche Kommunen e.V. Dominik Bär antwortete auf die von uns vorgelegten Vorwürfe seines Arbeitnehmers mit einem Schreiben eines Anwalts, der uns mit rechtlichen Konsequenzen drohte, sollten wir die Unterstellungen publik machen. Da wir stark bezweifeln, dass sich der Verein einen echten Anwalt, gar einen Gerichtsprozess leisten kann und uns ehrlicher Journalismus wirklich sehr am Herzen liegt, haben wir uns für die Veröffentlichung dieses Artikels entschieden.
Dennoch möchten wir hervorheben, dass die Schilderungen anonym gemacht wurden und zunächst nur die persönliche Meinung des Whistleblowers widerspiegeln. Einen Anspruch auf Richtigkeit gibt es nicht.
Nick Neef, Bundesfreiwilliger
