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Weil am Rhein – international gefragt

Oberbürgermeister Wolfgang Dietz mit dem Bürgermeister von Isfahan, Dr. Ghodratollah Norouzi

Ein Kurzbericht von Wolfgang Dietz

Beeindruckt, überrascht, bereichert. So kam ich von meiner fünftägigen Reise aus dem Iran zurück, wohin mich das Vorhaben "Kinderfreundliche Kommunen" im Januar 2019 geführt hat. So konträr unsere Welten einerseits sind, so verbindend ist schlussendlich, was die Menschen bewegt.

 

  • Unsere Kinderfreundliche Kommune präsentiert sich bei Unicef-Konferenz im iranischen Isfahan

Im Juni 2018 konnte ich im ukrainischen Kiew als Pilotkommune unsere Überlegungen und Maßnahmen für die kinderfreundliche Kommune vorstellen, unsere Vorgehensweise erläutern und über die eingeleiteten bzw. umgesetzten Projekte berichten. Die Einladung von UNICEF Iran, in vergleichbarer Art und Weise in Isfahan, der drittgrößten Stadt des Landes, zu berichten, habe ich gern angenommen. Schnell war klar, dass die Konferenz es nicht bei einseitigen Vorträgen oder Darstellungen belassen will, sondern durch Workshops auch eine Gesprächsebene mit den iranischen Teilnehmenden zur Verfügung steht.

Ausgangspunkt ist das Ansinnen von UNICEF, die UN-Kinderrechtskonvention im Iran voranzubringen. Dazu gehört auch das Konzept der "Kinderfreundlichen Kommunen". Das UNICEF-Büro im Iran lud deshalb zu einer landesweiten Konferenz ein, die aus meiner Wahrnehmung auf eine beachtliche Resonanz stieß. 130 iranische Kommunen und Vertretende von acht Regionen sowie Repräsentant_innen mehrerer Ministerien waren bei der Konferenz zugegen. Sebastian Sedlmayr, bei UNICEF Deutschland u.a. für das Thema "Kinderfreundliche Kommunen" zuständig, und Louise Thivant, Vertreterin der UNICEF-Zentrale in Genf, legten in ihren Beiträgen die Grundlagen für das Vorhaben. Meine Aufgabe war es, aufzuzeigen, wie erste Schritte zu einer kinderfreundlicheren Kommune aussehen können.

 

  • Konzepte aus Weil am Rhein stießen auf großes Interesse

Mit dem vom Englischen simultan ins Persische übersetzten Impulsvortrag war es möglich, die Rahmenbedingungen des politischen Systems in Deutschland zu schildern. Dies bot sich an, weil das Land in der Bevölkerungsgröße mit Deutschland vergleichbar ist, auch wenn das Territorium nahezu fünfmal größer ist. Da eine größere Teilnehmendenzahl sich aus lokalen Vertretenden zusammensetzte, galten viele Fragen den lokalen Beteiligungsformen und den Befugnissen der lokalen Ebene, im Verhältnis zum Staat.

Als besonders beeindruckend empfand ich die intensiven Nachfragen nach unserem Jugendparlament, das nun schon seit über 25 Jahren existiert. Aktives und passives Wahlrecht, Befugnisse des Jugendparlaments, das Budget, die Erfolge, aber auch die weniger erfolgreichen Seiten waren Gegenstand der Diskussion. Ganz praktische Erfahrungen waren gefragt: Wie finden sich die jungen Leute, die zum Jugendparlament kandidieren? Muss ihre Kandidatur durch eine örtliche Autorität zugelassen werden? Wie werben die Kandidat_innen für sich? Vor dem Hintergrund des iranischen politischen Systems, wonach Kandidat_innen für kommunale oder staatliche Funktionen der Zustimmung des Wächterrates oder religiöser Führer bedürfen, waren die Fragen aus dem Teilnehmendenkreis einerseits verständlich, andererseits aber auch aufschlussreich in der Reaktion.

Die Vorstellung, Jugendliche direkt nach ihren Bedürfnissen zu fragen, wie wir es beispielsweise mit Stadtspaziergängen und dem Stadtspiel oder in den Diskussionen mit dem Jugendparlament gemacht haben, schien eine besondere Anziehungskraft zu haben. Auch waren die Teilnehmenden sehr an Modellen der außerschulischen Kinderbetreuung in Deutschland interessiert.  

Nach den Vorträgen erarbeiteten die Teilnehmenden in Gruppen Vorschläge, die sie in ihre Städte und Gemeinden mitnehmen wollten. In den Gesprächen dominierten namentlich die Vertreter_innen anderer größerer Städte wie Teheran, Täbris, Maschhad, Yazd, Schiras. Unter den Teilnehmenden waren zahlreiche Mitglieder der Gemeinderäte dieser Städte, wobei der statusrechtliche Charakter des lokalen Gemeinderates dem eines kollektiven Exekutivorgans entspricht.

 

  • Gelebte Kinderfreundlichkeit in Isfahan

Die Tagung gab auch Aufschluss darüber, was verschiedene gesellschaftliche Gruppen sich in Isfahan unter der Gestaltung einer kinderfreundlichen Kommune vorstellen. Es bestand Gelegenheit, sich in einem Einkaufszentrum eine Kindertagesstätte anzusehen, in der sich Kinder aufhalten können und verpflegt werden. An großen Verkehrsknotenpunkten sind beispielsweise Treffpunkte für Mütter eingerichtet worden, damit sie bei Fahrten durch die Stadt ungestört ihre Kinder zwischendurch versorgen können. Weitere dieser – sehr modern und geschmackvoll eingerichteten – Rückzugsorte sollen in den kommenden Jahren folgen. An einem anderen Tag besuchten wir eine Kinderfilmakademie, in der Kinder und Jugendliche mit den Techniken des Fotografierens und des Filmproduzierens für das Internet vertraut gemacht werden. Ein Kinderfilmfestival gehört dabei zu den Vorzeigeereignissen, das alljährlich Aufmerksamkeit auf sich zieht.

 

Auffällig war für mich, wie sehr in den persönlichen Gesprächen die Berufstätigkeit von Frauen betont wurde. Der Frauenanteil bei den Konferenzteilnehmenden lag deutlich über der Hälfte. Viele Kinder und Jugendliche, mit denen die Konferenzteilnehmenden im Zuge der Tagung in Berührung kamen, haben sehr gut Englisch gesprochen, obwohl sie nie zu Aufenthalten im englischsprachigen Ausland waren. Zugleich wurde immer wieder der Wunsch geäußert, ins Ausland, namentlich nach Europa und Deutschland, reisen zu können.

 

  • Fazit

Die Kinderfreundliche Kommune ist inzwischen in 40 Ländern weltweit präsent. Mit der Konferenz in Isfahan hat UNICEF nun den Auftakt für ein weiteres Land gestartet. Es beeindruckt mich, dass unsere Erfahrungen so gefragt sind. Wir geben diese gern weiter. Es ist zudem für die Stadt als auch für mich persönlich etwas ganz Besonderes, beim offiziellen Start dieses Projektes im Iran dabei gewesen zu sein. Auch aus Südkorea waren bereits zwei Mal Delegationen in Weil am Rhein zu Besuch, um sich über die Erfahrungen der Stadt zu informieren.

 

Das Streben der Vereinten Nationen, den Inhalten der UN-Kinderrechtskonvention in immer mehr Ländern zum Durchbruch zu verhelfen, schlägt sich auch auf dem Feld der Kinderfreundlichen Kommunen nieder. Die UNICEF-Zentrale in Genf bemüht sich deshalb seit Jahren intensiv darum, in weiteren Ländern Verbündete für das Thema zu gewinnen. Unabhängig von den inneren staatlichen Strukturen der Länder, weiß man um den Wert der kommunalen Ebene, die den Bedürfnissen der Menschen am nächsten steht. Im Angesicht der weltpolitischen und diplomatischen Lage ist das Unterfangen von UNICEF, in der Islamischen Republik Iran das Ziel kinderfreundliche Kommunen zu etablieren, von großer Bedeutung und wird gleichzeitig mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt.

 

Autor

Wolfgang Dietz (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Weil am Rhein