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Kinderfreundlichkeit in der Corona-Krise

Maßnahmen zur Berücksichtigung des Kinder- und Jugendschutzes während des ersten Lockdowns am Beispiel der Stadt Barcelona

Ein Fachbeitrag im Rahmen des Online-Dialogforums vom 6.11.2020 von Sonia Fuertes (Redaktion: Majken F. Rehder)

Die Covid-19-Pandemie stellt die Welt vor neue Herausforderungen. Auf der einen Seite wird sichtbar und für alle erlebbar, an welchen Stellen ein politisches System funktioniert. Auf der anderen Seite offenbaren sich mehr als in „normalen“ Zeiten seine Schwachstellen. Zu ihnen gehören in vielen Ländern leider nach wie vor die Themen Kinderarmut und Schutz der Kinderrechte. Welche bestehenden Hilfen und Maßnahmen sich zur Berücksichtigung der Kinderrechte in Barcelona bewährt haben und welche darüber hinaus in der Krise notwendig waren und neu entwickelt wurden, ist im folgenden Beitrag zu lesen...

Hintergrund

Das Thema Kinderarmut und Schutz der Kinderrechte ist im politischen Geschehen viel zu wenig sichtbar, die Pandemie hat es noch einmal in sehr drastischer Form deutlich gemacht. Leider wurde ausführlicher über die Rolle der Kinder und Jugendlichen als mögliche symptomfreie Überträger des gefährlichen Virus’ diskutiert, anstatt die sozioökonomischen und psychologischen Folgen im Blick zu haben, die der Lockdown und die Schulschließungen mit sich bringen. Auch die Auswirkungen der Pandemie auf die wichtige soziale und entwicklungsrelevante Interaktion der Kinder und Jugendlichen untereinander wurden nicht ausreichend berücksichtigt. 

Darüber hinaus wirkte sich die finanzielle und damit auch existenzielle Verunsicherung der Erwachsenen unmittelbar auf die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen aus. Durch die Schulschließungen konnte ein Großteil der Eltern nicht arbeiten. In Spanien ist es bis heute so, dass Großeltern ihre Enkelkinder zu großen Teilen mitbetreuen; dieser Betreuungsanteil fiel in vielen Familien weg. Das traf insbesondere alleinerziehende Frauen oder Erwerbstätige, die in der Pflege arbeiten, weil eine Bezahlung nur bei Anwesenheit gewährleistet wird. 

Doch nicht nur in Krisenzeiten fehlt (potenziellen) Eltern an vielen Stellen eine adäquate staatliche Unterstützung. Die Sozialtarife für die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren sind so hoch, dass sie sich nur wenige leisten können. Öffentliche Investitionen in Kinder und Jugendliche waren bisher gering. Die Geburtenrate sinkt und der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung liegt nur bei 14,9 Prozent.[1]   

Dieser Beitrag setzt sich mit dem gesetzlichen Rahmen, den politischen Strategien und den öffentlichen Programmen auseinander, die für den Bereich Kinder- und Jugendschutz während der ersten Phase des ersten Lockdowns in Barcelona von Bedeutung waren. 

 

Strategien gegen Kinderarmut


Daten zur Kinderarmut in Spanien: 

  • öffentliche Investitionen in Kinder sind geringer als in anderen Ländern der EU (0,8 Prozent des BIP in Katalonien und 1,2 Prozent des BIP in Spanien gegenüber 2,3 Prozent in der EU); 

  • in Barcelona leben 9,7 Prozent der Kinder in schwerer Armut. Ohne den Sozialtransfer und die Direkthilfe der Stadt wären es 25 Prozent;

  • schlechte Arbeitsbedingungen: 29 Prozent der Erwerbstätigen, mit Kindern, sind arm. 17,9 Prozent davon sind kinderlos; 

  • zu hohe Wohnkosten: 17,1 Prozent der Kinder leben in Haushalten, für die 40 Prozent des Einkommens für die Bezahlung von Wohnraum bestimmt sind. Wenn die Wohnkosten in die Berechnung der Armut einbezogen würden, stiege die durchschnittliche Kinderarmut von 30,8 Prozent auf 43,7 Prozent und die schwere Kinderarmut von 9,7 Prozent auf 26,3 Prozent.


Dienste und Einrichtungen, die auch in „normalen“ Zeiten bestehen, bildeten in der unsicheren Lage eine verlässliche Konstante zur Bekämpfung der Kinderarmut.  Zu ihnen zählen beispielsweise die Sozialstationen, die Teams zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen (Equips d’atenció a la infància i l’adolescència – EAIA) und die offenen Einrichtungen. Die Einrichtungen dienen der Prävention und bieten Betreuungsdienste außerhalb der Schulzeit an. Sie richten sich an Kinder und Jugendliche von 0 bis 16 Jahren und an deren Familien. Hier finden Bedürftige Unterstützung bei Fragen die die Persönlichkeitsentwicklung (z. B. bei Förderbedarf) betreffen oder bei Erziehungsdefiziten. Es wird bei der sozialen Eingliederung und beim Erwerb grundlegender Sozial- und Freizeitkompetenzen geholfen. In ausgewählten Stadtteilen, mit erhöhtem Bedarf, gibt es darüber hinaus Babysittung-Angebote („Concilia“) mit großer Flexibilität für Alleinerziehende. 

Seit dem 16. März – dem Beginn des ersten Lockdowns – bis zum 30. September 2020 wurden von den sozialen Diensten in Barcelona insgesamt 56.192 Menschen betreut. 30 Prozent von ihnen hatten nie zuvor oder zuletzt vor mehr als einem Jahr die Dienste sozialer Einrichtungen in Anspruch nehmen müssen. Während dieser sechseinhalb Monate wurden 28.360 außerordentliche Hilfen aus städtischer Förderung vergeben. Somit hat sich diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. 

Die Aufrechterhaltung dieser Angebote erforderte aufgrund der geänderten Bedingungen und all den Schwierigkeiten, die die neue Situation mit sich brachte, große Anstrengungen.  

 


Orientierung an den UNICEF-Empfehlungen

Der UNICEF-Bericht mit dem Titel „Wege zur Verringerung der Kinderarmut in Spanien. Bestandsaufnahme und Empfehlungen“ hält fest, dass es drei Wege zur Effizienzsteigerung bei der Bekämpfung von Kinderarmut gibt:

  • Erhaltung und Erhöhung der Beträge für unterhaltspflichtige Kinder;
  • Erhöhung der Einkommensgrenze für die Haushalte, um diese Leistungen breiter zugänglich zu machen und um auch Menschen in mittleren Armutsverhältnissen zu erreichen; 
  • und Anrechnung der erstattungsfähigen Leistungen pro Kind in Form von Steuerabzügen. Der genannte Nothilfefonds erhebt in diesem Sinne den Anspruch, die Forderungen des UNICEF-Berichts zu erfüllen.

 

Nothilfe – schnell und einfach mit Geldkartensystem

Als eines der wirksamsten Mittel zur Bekämpfung der Kinderarmut erwies sich die direkte Vergabe von Finanzhilfen an Familien mit Kindern. Zu diesem Zweck wurde der Soziale Nothilfefonds eingerichtet. Für diesen Fonds standen im Rahmen eines 35-Millionen-Euro-Nothilfeprogramms 18 Millionen Euro für die durch Covid-19 bedingten Notmaßnahmen zur Verfügung.

Die Hilfen liegen bei 200 bis 475 Euro monatlich. Sie variieren je nach Höhe des Einkommens und der Zahl der Familienmitglieder. Im zweiten Halbjahr 2020 ließen sich diese Mittel mit einer Geldkarte, der „Targeta moneder Barcelona Solidària“, abrufen. Die Maßnahme existierte bereits vor dem Pandemiegeschehen, unter der Bezeichnung „0 bis 16-Fonds“. Dank eines Evaluierungsprozesses konnte sie verbessert und erweitert werden. Das besondere daran ist, dass die Familien relativ frei über diese Gelder verfügen. Sie können innerhalb eines weit gesteckten Rahmens bezüglich der Produktauswahl weitgehend selbst entscheiden, wie sie die Hilfe verwenden wollen.

Diese neue Herangehensweise im Bereich der Vergabe von Hilfsgeldern erspart bürokratische Schritte bei der Verteilung und Verwaltung. Die Handhabung ist einfach und den begünstigten Familien wird eine größere Verfügungsfreiheit gewährt – ganz ohne Stigmatisierung.

 

Recht auf Wohnraum – auch für Kinder

Von ebenso großer Bedeutung bei der Bekämpfung der Kinderarmut ist der Schutz des Rechts auf Wohnraum, den die öffentlichen Verwaltungen betreuen. Dies betrifft insbesondere die Maßnahmen, die auf eine Eindämmung der überhöhten Wohnkosten abzielen. Außerdem wird versucht der Praxis der aus der Not entstandenen Wohnraumbesetzung in Barcelona vorzubeugen. 

Ein geschützter Wohnraum ist elementar zur Gewährleistung eines gesunden häuslichen Umfelds und für die materielle und seelische Gesundheit von Kindern. Trotz der großen Anstrengungen, die von den Kommunen in dieser Hinsicht bereits unternommen wurden, bleibt der Zugang zu erschwinglichem Wohnraum eine große Herausforderung. Hier gibt es einiges zu tun. Die Lage in Barcelona – wie auch in vielen anderen Großstädten Europas – ist nach wie vor besorgniserregend.

 

Garantie gegen Kinderarmut

Die Europäische Kommission ist bestrebt, den von Kinderarmut betroffenen Familien in ganz Europa ein gesichertes Auskommen zu garantieren („Garantie gegen Kinderarmut“).  

 

Strategien zur Förderung und Prävention

Im Folgenden werden einige Initiativen vorgestellt, die von der Stadtverwaltung Barcelona im Bereich Freizeitförderung und Sicherung des Grundbedarfs von Kindern und Jugendlichen unternommen wurden. Sie sind nicht streng auf die Sicherung der materiellen Grundbedürfnisse ausgerichtet (außerdem mussten einige in der Corona-Krise unterbrochen werden).

 

Zu diesen Maßnahmen gehören u.a. die Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche während der Sommerferien:

  • Das Programm „100 Prozent Sommer“ wird mit einem Budget von 7,4 Millionen Euro gefördert, das sind 37 Prozent mehr als im Vorjahr; es bietet 387.754 Plätze für Freizeitaktivitäten auf Voranmeldung. Die Einrichtungen sind ausnahmsweise auch im August geöffnet und bieten in den jeweiligen Städten unterschiedliche Aktivitäten an.
  • Es wurden 69.000 Voranmeldungen registriert. Insgesamt erhalten 14.911 Kinder und Jugendliche eine Förderung für Freizeitaktivitäten im Sommer (der Gesamtaufwand für diese Maßnahme beziffert sich auf 2.940.021 Euro).
  • Das Programm „Pla de Barris“ (Stadtteilprogramm) unterstützt Aktivitäten in den Quartieren und fördert kostenlose Freizeitangebote in den sogenannten Casals (eine Art Hort, Freizeiteinrichtung für Schulkinder), Sport- und Musikfreizeiten.
  • Im Rahmen der Kampagne „100x100 Sommer“ bleiben die Einrichtungen im August ebenfalls geöffnet (Bürger- und Jugendzentren usw.)

 

Ein weiteres Beispiel für Projekte im Freizeitbereich ist das Projekt Baobab, das sich zum Ziel gesetzt hat, die pädagogische Arbeit im Freizeitbereich durch Gemeinschaftsangebote in den Quartieren mit weniger oder gar nicht vorhandenen Freizeitangeboten zu stärken. Dies ist Bestandteil eines Maßnahmenbündels, das die derzeitige Regierung in der Unterrichts- und Erziehungspolitik auf den Weg gebracht hat, um ungleiche Voraussetzungen in Barcelona zu beseitigen. Die Projekte zielen in erster Linie darauf ab, Kindern freien Zugang zu pädagogisch betreuten Freizeitaktivitäten zu bieten, regionale Unterschiede auszugleichen, das Zugehörigkeitsgefühl und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Es soll zur aktiven Teilhabe in ihren Stadtbezirken anregen und ganz allgemein die sozialen und gemeinschaftlichen Bindungen von Kindern und Familien stärken.

 

Strategien zur Bekämpfung der Einsamkeit

Ein anderes wichtiges Thema, mit dem sich die Stadtverwaltung beschäftigt, ist die Einsamkeit. Die Zeit des Lockdowns hat zusätzlich zu den bereits vor der Pandemie bestehenden Formen der Einsamkeit noch weitere geschaffen. Es sind besonders diejenigen dafür anfällig, die grundsätzlich unter Einsamkeitsgefühlen leiden, und die sich bereits zuvor in einer Situation sozialer Marginalisierung befanden. Dies betrifft auch Kinder und insbesondere Jugendliche. 

Im Oktober 2020 hat die Stadtverwaltung Barcelona dazu eine Regierungsmaßnahme zur Erarbeitung kommunaler Strategien erprobt. Diese beinhaltet eine Annährung an folgende strategischen Grundlinien: Angebot von Diensten und Mitteln (entweder im direkten Kontakt oder virtuell), um einsamen Menschen Orientierung zu bieten und sie zu begleiten; Sensibilisierung; Ausbau leicht zugänglicher Räume und gemeinschaftlicher Bindungen in den Stadtteilen; Zusammenarbeit mit den entsprechenden Stellen und anderes.

 

Kinder und Jugendliche zu Wort kommen lassen 

Eine weitere – von Ada Colau, der Bürgermeisterin Barcelonas –  angestoßene Initiative bestand in einem Projekt, dessen Fokus eher auf die psychologischen Aspekte bei Kindern gerichtet war, und das unter dem Namen „Estimat diari“ („Liebes Tagebuch“) realisiert wurde. Die Kinder konnten konkrete Fragen zu ihrer Lebenssituation im Lockdown an die Bürgermeisterin richten, die von ihr regelmäßig auf YouTube beantwortet wurden. Dabei wurden Bilder gezeigt, die Kinder konnten ihre Gedanken äußern oder selbstgedrehte kreative Videos vorstellen. Die Kunstwerke dieser Mädchen und Jungen werden im Städtischen Archiv aufbewahrt, sie sind von großem Wert, um die Sichtweise der Kinder in diesen außergewöhnlichen Zeiten widerzuspiegeln. Wenn in der Zukunft über die Covid-19-Pandemie geforscht wird, findet sich an dieser Stelle wertvolles zeitgeschichtliches Material darüber, wie die Pandemie sich auf das Leben in Barcelona ausgewirkt hat. Inzwischen ziehen immer mehr Pädagog_innen, Erzieher_innen und Lehrer_innen die Verwendung dieses Tagebuchs in Erwägung.

Im laufenden Schuljahr 2020–2021 wird eine Wanderausstellung angefertigt, die an vielen Orten der Stadt gezeigt werden soll, um die Einwohner_innen an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen. Auch die Grundschulen der einzelnen Stadtteile können sich die Ausstellung ansehen und sie als Denkanstoß nutzen, um über die Auswirkungen des Lockdowns nachzudenken und Lehren daraus zu ziehen.

 

Prävention im Bereich des sexuellen Missbrauchs

Im Bereich Prävention gibt es von Seiten der Stadt Barcelona eine Reihe von Initiativen und Maßnahmen, die darauf abzielen, möglichen Fällen von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen vorzubeugen. Barcelona soll auch in Zukunft eine sichere Stadt bleiben, die Kindern den nötigen Schutz bietet.

Deshalb kommt den Konzepten zur Prävention und zum Umgang mit sexuellem Missbrauch an Minderjährigeneine besondere Bedeutung zu. Es gibt auf kommunaler Ebene verschiedene Handlungsstränge zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und zur Wahrung der Kinderrechte. Mädchen und Jungen müssen wirksam geschützt werden, vor dieser überwiegend männlichen Gewalt.

Der Handlungsrahmen dieser Maßnahme beruht auf der Gründung einer Interinstitutionellen Plattform zur Prävention und zum Umgang mit sexuellem Missbrauch an Minderjährigen.  Die Hauptaufgabe besteht darin, die vorhandenen Möglichkeiten in diesem Bereich zu nutzen und Kenntnisse über die bestehenden Protokolle, Netzwerke, Projekte und Maßnahmen zur Prävention von Kindesmissbrauch zu verbreiten. 

Auch das Programm zum Monitoring und zur Optimierung städtischer Einrichtungen zur Missbrauchsprävention oder von Projekten zur Selbstermächtigung von Kindern gehört dazu. Ein wesentlicher Aspekt bei der Prävention von Kindesmissbrauch ist die Selbstermächtigung des Kindes. Wichtig ist, Kinder so zu stärken, dass sie unangemessene Situationen und Gefahren erkennen und Mechanismen zum Selbstschutz entwickeln, d.h. wir müssen den Kindern Mittel und Wege an die Hand geben, damit sie lernen „NEIN“ zu sagen lernen und sich trauen, um Hilfe zu bitten. Diese Aufgabe sollte einerseits von entsprechenden Workshops und Aktivitäten vor Ort begleitet sein, die jeweils auf die einzelnen Entwicklungsphasen zugeschnitten sind, andererseits sollte es Präventionsmaßnahmen und Schritte zur Schaffung des nötigen Bewusstseins für die Risiken geben, die mit den neuen Technologien und sozialen Netzwerken einhergehen.

 

Hilfen für Erziehende und Jugendliche

In diesem Zusammenhang sind die städtischen Sondereinrichtungen zu erwähnen. Das Zentrum für Familien mit jugendlichen Kindern ist ein Dienst der Stadt Barcelona. Er richtet sich an Erwachsene, die die Elternfunktion innehaben (Väter, Mütter, Erziehungsberechtigte). 

Hier gibt es Informationen und Orientierung zu folgenden Themen:

  • Förderung der Selbsteinschätzung, Neuausrichtung und Anerkennung der Elternfunktion;
  • Beitrag zur konkreten Formulierung der Aspekte, die Schwierigkeiten bereiten;
  • Begleitung beim Einüben empathischen Verhaltens in der Pubertät; 
  • Verbesserung des Durchsetzungsvermögens und der Fähigkeit, Grenzen zu setzen, gegebenenfalls bei gleichzeitiger Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten; 
  • Beitragen von Erfahrungen in einen Gruppen- oder individuellen Kontext, in dem Diversität und Konflikte als Chance zur Weiterentwicklung gesehen werden können.

Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren können darüber hinaus einen weiteren Dienst in Anspruch nehmen, der eng mit dem Zentrum für Familien mit jugendlichen Kindern zusammenarbeitet.

Dabei handelt es sich um das Angebot „Hier wirst du gehört“, das in mehreren Einrichtungen für Jugendliche in Barcelona zur Verfügung steht. Im Rahmen dieses Dienstes werden den Jungen und Mädchen Strategien an die Hand gegeben, mit denen sie ihre persönlichen und sozialen Fähigkeiten ausbauen und ihre persönliche Entwicklung durch individuelle Betreuung oder im Rahmen von Gruppenerfahrungen stärken können.

 

Städtebauliche Aufwertung von Schulen und ihrer Umgebung

Auch die Anpassung des schulischen Umfelds unter städtebaulichen Gesichtspunkten soll hier erwähnt werden. Es zielt darauf ab, die Umgebung und Räume an Schulausgängen zu erweitern und zu beruhigen, und auch den Verkehr an diesen Orten einzudämmen. Es ist wichtig für die Kinder diese Orte sicherer zu machen und auch weniger gesundheitsschädlich. 4,6 Millionen Euro werden in die städtebaulichen Veränderungen investiert. Sie kommen 26.217 Schüler_innen zugute. Finanziert werden überdies verkehrsberuhigte Zonen für Fußgänger mit Spiel- und Freizeitflächen.

Die ersten Projekte sind bereits erfolgreich umgesetzt worden. 317 Schulen in Barcelona und Umgebung wurden in der Zwischenzeit umgestaltet. Zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme profitiert die Schüler_innenschaft von der Aufwertung ihres schulischen Umfelds. 

 

Strategien zur Beseitigung von schulischen Ungleichheiten 

Der dritte Handlungsstrang betrifft die politischen Strategien zur Linderung der schulischen Segregation.

Im März 2019 wurde vom Gremium für das Schul- und Unterrichtswesen in Barcelona ein Notfallplan zur Beseitigung der Segregation vorgelegt. Er zielt auf eine Chancengleichheit ab, die allen erfolgreiche Bildungsmöglichkeiten gewährt. Besonders vulnerable Schüler_innen sollen identifiziert und gleichmäßig in die Einrichtungen verteilt werden. 

Um allen Schüler_innen die gleichen Bildungschancen zu sichern, werden die notwendigen Mittel dafür bereitgestellt. 

Für die Stadtverwaltung gelten die Kinder als „vulnerabel“, die eine offene Sozialakte haben und für die es mehr als einen Risikofaktor zur Gefährdung einer erfolgreichen Schullaufbahn gibt. Zum Beispiel bei einer verspäteten Einschulung, wenn ein Kind in Armut lebt oder anderen sozialen Nöten ausgesetzt ist.  

Leider gab es die letzten Jahre zu wenig Austausch zwischen den sozialen Diensten und den Schulen. Dadurch wurden soziale Nöte bei Schüler_innen nicht bemerkt. Durch die Einbindung von Sozialarbeiter_innen an Schulen verbesserte sich die Lage. 

Mit dem Notfallplan zur Beseitigung der Segregation wird Kindern die Möglichkeit geboten, staatliche oder halbstaatliche Schulen zu besuchen. Auch wenn diese oft weit entfernt von ihrem Wohnort sind, überwiegen die Vorteile für das Kind – und letzten Endes auch für die Gesellschaft, weil damit einer Ghettoisierung entgegenwirkt wird. Zum Beispiel ist der Anteil vulnerabler Schüler_innen niedriger als in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld. Als Anreiz, sich dort anzumelden, werden ihnen eine Reihe Vorzugsbedingungen geboten; angefangen bei der teilweisen Übernahme der Kosten für das Schulgeld an halbprivaten Schulen, bis hin zum Angebot finanzieller Hilfen für das Mittagessen, Ferienfreizeiten, Schulmaterial und Ausflüge. Dieses Maßnahmenpaket ist als Ausgleich dafür gedacht, dass die Kinder eine Schule besuchen, die für die Familien erst einmal nicht in Frage kam. 

Dank dieser Förderhilfen haben sich die Zahlen gewandelt: Die halbprivaten Schulen bekommen immer mehr Kinder aus vulnerablen Verhältnissen. Im vergangenen Schuljahr verteilten sich 73 Prozent dieser Schüler_innen auf staatliche Schulen, während 27 Prozent auf die halbprivaten Schulen gingen. In diesem Schuljahr war die Situation mit 63 Prozent an öffentlichen und 37 Prozent an halbprivaten Schulen schon wesentlich ausgeglichener.

 

Bekämpfung sozioökonomischer Segregation

Sozialverträgliche Tarife für den Besuch von Kindertagesstätten sind ein weiterer wichtiger Baustein in der Politik zur Bekämpfung sozioökonomischer Segregation. 

Soziale Tarife bestehen darin, im Verhältnis zum Familieneinkommen niedrigere Gebühren für die öffentlichen Dienste anzusetzen. Dabei erfolgt eine Unterteilung in zehn Stufen mit Beträgen von 50 bis maximal 395 Euro monatlich; bei insgesamt 8.500 Plätzen unterliegen 92 Prozent der Familien dem Sozialtarif in unterschiedlichen Abstufungen. Darin ist auch das Essen enthalten, das mehr als 60 Prozent der Kinder in Anspruch nehmen. Außerdem wird damit diesen Kindern eine ausgewogene Ernährung mit frischen Produkten aus ökologischem Anbau geboten.

 

Digital Gap

Schließlich gibt es noch einen Bereich der Ungleichheit, der in Zeiten der Pandemie besonders stark zum Tragen kommt: die digitale Lücke. Viele Bezirke der Stadt Barcelona sind davon betroffen. Hier ist die Rede von Kindern, die in Haushalten leben ohne Computer und WLAN. Dadurch entsteht eine besonders drastische Ungleichheit in allen Bereichen, in denen Fernunterricht oder teilweiser Fernunterricht stattfindet – doch auch im normalen Kontext noch vor Ausbruch der Pandemie stellte dies eine deutliche Bildungseinschränkung dar. In der Hinsicht gibt es noch viel zu tun, deshalb werden derzeit die Grundlagen für eine Politik gelegt, die es sich zum Ziel setzt, die digitale Lücke für Schüler_innen und Eltern zu schließen und festzustellen, in welchen Stadtbezirken die meisten Schüler_innen wohnen, die kein Internet zu Hause haben. Ihnen werden dann die nötigen digitalen Endgeräte zur Verfügung gestellt. Überdies wird dafür gesorgt, dass ein Einloggen in städtische WLAN-Zugangspunkte ins Netz möglich ist. Dieser Bereich befindet sich jedoch noch in der Vorbereitungsphase, und es konnte noch nicht mit der Umsetzung begonnen werden.

 

Fazit

Die staatlichen Stellen und Verwaltungen Barcelonas standen in der ersten Phase der Pandemie vor neuen Herausforderungen. Bestehende Einrichtungen wurden von Bedürftigen überrannt. Da es an öffentlichen Mitteln für Kinder und Jugendliche mangelte, unternahm die Stadt mit der Mobilisierung städtischer Hilfen große Anstrengungen, um dieses staatliche Defizit auszugleichen. Es hat sich gezeigt, dass diese Dienste und Einrichtungen, die für den Schutz, für die Förderung und Prävention von Kindern und Jugendlichen zuständig sind, in Zukunft nachgebessert und ausgebaut werden müssen. 

Der Lockdown war wie ein „Wachrütteln“. Die Regierung ist nun dafür sensibilisiert, dass es eine ganze Reihe spezifischer aber auch allgemeiner Themen aus dem Bereich Kinderrechte aufzuarbeiten gibt; und dass es einer diversen Gesellschaft zugute kommt, wenn der sozioökonomischen und schulischen Segregation entgegengewirkt wird. Es lohnt sich, in Kinder und Jugendliche zu investieren. Dann lassen sich (auch) Krisenzeiten gut überstehen.  

 

Autorin

Sonia Fuertes, Beauftragte für soziales Handeln, Stadtverwaltung Barcelona 

Redaktion: Majken F. Rehder 

 


[1]In Deutschland lag der Anteil der Minderjährigen an der Gesamtbevölkerung 2019 bei 16,4%.